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Mythorealismus

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Der Mythorealismus bezeichnet eine zu Beginn des 21. Jahrhunderts auftretende Kunstauffassung der Malerei, die sich bereits bestehender Stilrichtungen, wie Realismus, Symbolismus, Naturalismus oder Surrealismus, bedient und diese Formen in Einklang bringt mit dem Mythos in seiner ursprünglichen Bedeutung einer Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen, verwoben mit der Deutungstiefe psychologischer Zusammenhänge.

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Mythos[Bearbeiten]

Ein Mythos (maskulin, von altgriechisch μῦθος, „Laut, Wort, Rede, Erzählung, sagenhafte Geschichte, Mär“, lateinisch mythus; Plural: Mythen) ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung.

Diese Erzählung, die in unterschiedlichen anonymen Varianten überliefert und vorerst mündlich weitergegeben wurde, handelt von Göttern, Dämonen, Heroen und Begebenheiten der Vorzeit und vornehmlich der Erschaffung des Menschen oder der Welt. Solche Mythen lassen sich in allen Kulturen nachweisen. Sie geben Antworten zum Selbst- und Weltverständnis der Kulturen und Menschen. Im Mythos herrscht eine anschauliche, bildhafte Sprache vor, die für die meisten leicht verständlich ist. Damit können Mythen häufig als praktische Anleitungen verstanden werden, um eine Sicht auf die Welt zu erlangen, wobei sie ein frühzeitliches Ereignis schildern, die einen Sachverhalt aus der heutigen Zeit erklären oder zumindest Hinweise zu dessen Hintergründen liefern.[1]

Worin das Gleichnis für den Menschen besteht, erzählt der Mythos meist nur zwischen den Zeilen. Darin liegt seine Wirksamkeit und orientierende Kraft für die Menschen und der Grund, ihn weiter und weiter und immer wieder aufs Neue zu erzählen. Mit dem Begriff Mythos wird seit dem 19. Jahrhundert oft die Vorstellung einer wiederholten Bestätigung im Erleben und Erzählen verbunden. Der Mensch sieht, empfindet Grundmuster im Sein, die er kennt oder aus denen er lernen kann.

In der antiken Mythologie erkennt Goethe die abgespiegelte Wahrheit einer uralten Gegenwart und findet Menschenkunde im höheren Sinne im Mythos.[2]

Die von Nietzsche beschriebene Ewige Wiederkehr ist eine ewige Wiederkehr, und zwar des Gleichen.[3]

Thomas Mann definierte das Wesen des Mythos als „zeitlose Immer-Gegenwart“ (1928). Manns Mythoskonzeption lässt sich im Kern durch die Aussage beschreiben, dass das Typische das Mythische ist. Er sieht Grundmuster hinter allen scheinbar individuellen Verhältnissen und Ereignissen der Welt, und diese Grundmuster wiederholen sich immer wieder.[4]

Realismus[Bearbeiten]

Realismus (von lateinisch realis ‚die Sache betreffend‘; res: „Sache, Ding“) bezeichnet in der Kunstgeschichte eine Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa einsetzende neue Kunstrichtung. Die Künstler legten Wert darauf, die Figuren und ihr Handeln möglichst genau darzustellen. Ihr bekanntester Vertreter, der französische Künstler Gustave Courbet (1819–1877), definierte für die realistische Kunst, dass ausschließlich Dinge dargestellt werden sollen, die der Maler sehen und anfassen kann.[5] Er äußerte sich in einem Brief aus dem Jahr 1861 über den Realismus folgendermaßen:

„Ich halte auch dafür, daß die Malerei ihrem Wesen nach eine konkrete Kunst ist und einzig in der Darstellung der wirklichen und vorhandenen Dinge bestehen kann.“

Damit wird ein Anspruch auf eine wirklichkeitsnahe Abbildung eines Themas bzw. Motivs erhoben.

Demgegenüber gilt als allgemeine Erklärung der Wortbedeutung „realistisch“, dass es sich hierbei um eine richtige, angemessene Einschätzung der Wirklichkeit handelt. Dieser Idee folgte eine künstlerische und literarische Strömung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Ziel, dass das, was für wirklich gehalten wurde, künstlerisch darzustellen ist und dargestellt werden kann.

Der philosophische Gedanke, dass eine Welt besteht, die unabhängig von unserem Bewusstsein existiert, ist nur eine Form von vielen, den Realismus zu betrachten. Die Existenz von Gegenständen außerhalb des menschlichen Bewusstseins ist weitgehend unbestritten.

Mythorealismus[Bearbeiten]

Armin Gallerach, „Die Liebenden“

Novalis erklärte 1789:

„Wir wissen etwas nur – insofern wir es ausdrücken, i.e. machen können.“

[6] An dieser Stelle verknüpft der Mythorealismus Erzählungen der Mythen mit Wirklichkeiten aus verschiedenen Bewusstseinsebenen. Der Mythorealismus verbindet die realistische Darstellung der gegenständlichen Welt mit der Welt der Mythen und Legenden, die von der wirkenden Kraft in allem Leben erzählt. Er drückt etwas aus, das wir real nicht kennen, da wir es selbst in unserer jetzigen, gegenwärtigen Bewusstseinsform sehr wahrscheinlich nie erlebt haben. Der Mythorealismus entdeckt eine Welt hinter der Welt im Sinne des ontologischen realistischen Philosophieansatzes und sieht damit mehr als das Übliche. Er erzählt in Bildform von Geschehnissen, die uns weiteres oder erweitertes Wissen bescheren, und lässt uns teilhaben an Geschichten, die als eine Deutungsweise der Wirklichkeit verstanden werden können.

Vor den großen Denkern der Philosophie gab es auf der Welt immer schon Menschen, die die einfache Idee hatten, hinter allem steckt jemand, ein Gott, ein höheres Wesen. So gab es denn zahlreiche Gottheiten in der Antike, die man verband mit dem Gesehenen in der Natur. Schon Goethe führt aus, welche Wunder man im Leben sieht, wenn man sich auf die wirkende Kraft der Natur einlässt, die man sehen kann, wenn sie von uns geschaut wird,[7] so wie Faust, der hinter allem das Allerschönste sucht, eben diese wunderbare Göttin, die alles erschaffen hat. Der Mythorealismus blickt hinter die Fassade des Offensichtlichen und entdeckt dabei die Schönheit, die allem Lebendigen innewohnt.

Er ist eine Kunstform, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hintergründe und Unbewusstes als verbunden und zusammenhängend mit dem Geschauten zu offenbaren, um zu zeigen, warum die Welt so ist, wie sie ist. In diesem Zusammenhang kann von einer visionären Kunst[8] gesprochen werden. Die ersten Gemälde, die als Ausdruck visionärer Kunst gesehen werden können, entstanden im 15. Jahrhundert von dem niederländischen Maler der Renaissance Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516).

Den Begriff Mythorealismus prägte der deutsch-niederländische Philosoph, Germanist, Politologe und Pädagoge Werner Janssen, Gründer und Intendant des von ihm 1981 ins Leben gerufenen Internationalen Kultur- und Wissenschaftsfestivals Euriade im Jahr 2017, um die Malerei einer Ausstellung in Aachen zu beschreiben.

Begründer des Mythorealismus ist der Künstler Armin Gallerach.[9] Auf der Leinwand setzt er Bildelemente nebeneinander, die auf den ersten zufälligen Blick widersprüchlich und deplaziert erscheinen und sich damit einer vernunftbezogenen Kontrolle entziehen. Symbole verschiedener Kulturkreise werden mit fotorealistisch wiedergegebenen Details aus der Natur und Fantasiegebilden kombiniert. Die Verbindung von Mensch, Natur und schöpferischem Geist wird in einer Form gezeigt, bei deren Anblick im Betrachter Bilder entstehen und wachgerufen werden, die Geschichten erzählen. Die Fantasie fungiert als Brücke und offenbart die Geheimnisse der Schöpfung, die mit der menschlichen Natur verwoben sind.

Einflüsse[Bearbeiten]

Stilrichtungen der Malerei[Bearbeiten]

Segmente unterschiedlicher Stilrichtungen werden vom Mythorealismus integriert und zu einer Gesamtdarstellung geformt. Der Mythorealismus sieht seine Werke ganz im Sinne seiner Begriffsbestimmung als Erzählung, die auch von Welten, Dingen und Wundern hinter der Welt, hinter den bekannten Dingen berichtet, die nicht so ohne Weiteres fassbar sind und der Ratio nicht zugänglich sind. Er vertritt die Ansicht, dass es eine vom Menschen unabhängige, aber für den Menschen erkennbare Wirklichkeit gibt. Dieses rational Unerklärliche, Gedachte bzw. Geglaubte wird durch die Verwendung von Symbolen und Metaphern dargestellt, mit dem Ziel, bestimmte Botschaften an den Betrachter zu übermitteln oder auf Zusammenhänge innerhalb eines Bildes hinzuweisen. Der Mensch braucht Symbole, um sonst Unvorstellbares in den Bereich der Greifbarkeit hereinzuholen und sich zielführend damit auseinandersetzen zu können.

So arbeitet der Mythorealismus zum einen vordergründig mit Elementen des Symbolismus.[10] Eine rote Rose zum Beispiel ist das bekannteste Symbol für Liebe und Zuneigung. Zum anderen verschlüsselt, tarnt ein zum Symbol gewordenes Zeichen den offenen Sinn des Dargestellten. Der nicht eingeweihte Betrachter kann die so verschlüsselte Aussage nicht mehr verstehen. Eine Schnecke steht allgemein für Langsamkeit und Trägheit. Als Symbolwesen steht die Schnecke für die Auferstehung Christi.

Der Surrealismus sollte so weit wie möglich das Unbewusste und Übernatürliche im Künstler ausdrücken und ein weitergehendes Verständnis der Wirklichkeit erreichen. Ziel war die Erweiterung des Bewusstseins zu einer „surrealen“, also über die einfache Realität hinausgehende, Wahrnehmung der Dinge. Diesen Ansätzen folgt der Mythorealismus mit seiner Sicht hinter die Dinge, dem Blick auf die Welt hinter der Welt, die hier als einfache Realität fungiert. In seinem Malstil bleibt der Mythorealismus aber im Gegensatz zum Surrealismus in der Tradition des Naturalismus. Die gesehene Wirklichkeit wird nicht verfälscht oder gar abstrahiert. Es wird Wert gelegt auf die anatomische Richtigkeit und Erkennbarkeit des gemalten Objektes.

Psychologie und Psychoanalyse[Bearbeiten]

Die Erkenntnisse von Sigmund Freud über die Wirkungen unbewusster, psychischer Prozesse beeinflussen den Mythorealismus. Bewusstsein und Unterbewusstsein arbeiten eng zusammen. Das Unterbewusstsein folgt eigenen Grundsätzen. Es prüft diverse Sachverhalte nicht rational, sondern reagiert aufgrund von Gedanken, Vorstellung und Vorerfahrung. Geht man davon aus, dass das Unterbewusstsein die Summe aller Vorstellungen, Erinnerungen, Eindrücke, Einstellungen und Handlungsbereitschaften, die in uns sind, ist, dann kann das Unterbewusstsein zwangsläufig als der Ort definiert werden, an dem Mythen gespeichert sind.

Carl Gustav Jung definierte lebendige Symbole als Schnittstellenphänomene zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. Friedrich W. Doucet bemerkt, dass eine Anzahl von Symbolen so alt sei wie die Sprachbildung. Fred Poepping spricht in diesem Zusammenhang von Ursymbolen. Poepping deutet diese Symbole in ihrer Vielschichtigkeit vor dem Hintergrund menschheitsgeschichtlicher Entwicklungen. Er führt aus, dass Symbole auf geistigen Urbildern beruhen.

Der Mythorealismus greift diese Urbilder und die Zusammenhänge von Bewusstsein und Unterbewusstsein auf. Nach seinem Verständnis wird das Dasein des einzelnen Menschen von Grundmustern bestimmt, die sich als immer wiederkehrende Schleifen durch sein Leben ziehen. Diese Schleifen enthalten Bilder in Form von inneren Landschaften, Schlüsseln und Symbolen, die im Unterbewusstsein gespeichert sind. Da diese Grundmuster erkannt und somit auch dargestellt werden können, beschreibt der Mythorealismus mehr als nur den gewöhnlichen Normalzustand. Vielmehr führt der Mythorealismus zu einer Erweiterung des Bewusstseins des Betrachters über die Grenzen der einfachen Realität hinaus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Udo Becker: Lexikon der Symbole. Herder Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-139-0.
  • Hans Biedermann: Knaurs Lexikon der Symbole. Droemer Knaur Verlag, München 1989, ISBN 3-426-26400-5.
  • Murphy Joseph: Die Macht Ihres Unterbewusstseins. Das große Buch innerer und äußerer Entfaltung. Wilhelm Goldmann Verlag, München 1998, ISBN 3-442-13260-6.
  • Carl Gustav Jung:Gesammelte Werke 9/2: § 280
  • Friedrich W. Doucet: Psychoanalytische Begriffe. Heyne Verlag, München 1972.
  • Fred Poepping: Ursymbole der Menschheit. Freiburg i.Br. 1972.

Einzelnachweise[Bearbeiten]


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