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Wissen der EuropäerInnen über die Europäische Union

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Politisches Wissen stellt eine Grundvoraussetzung für eine aktive Beteiligung in der Demokratie dar. Das Wissen über die Europäische Union wurde in einigen wissenschaftlichen Arbeiten überprüft.

Relevanz des Politischen Wissens über die Europäische Union[Bearbeiten]

Obwohl im Zuge der europäischen Integration vermehrt politische Kompetenzen auf EU-Ebene verlagert wurden, bleibt das Interesse sowie das Wissen der Europäer über die Europäische Union (EU) im Vergleich zum Nationalstaat weiterhin gering[1]:353. Die EU wird mit der Kritik konfrontiert, sie habe ein Legitimationsproblem, da dem europäischen Demos mangels einer gemeinsamen europäischen Identität die Basis zur Selbstlegitimierung fehle.[1]:367 Die Annahme, dass die Demokratie im Sinne der Selbstregierung von kompetenter Partizipation lebt, lässt sich daher als Voraussetzung für eine demokratisch legitimierte und funktionsfähige EU begreifen. Mondak beschreibt dies wie folgt:

“If a nation’s citizens are politically apathetic and uninformed, democratic governance may be nothing more than symbol and myth”

Jeffery J. Mondak[2]

Das Wissen der europäischen Bevölkerung spielt daher für das Demokratiedefizit der Europäischen Union eine entscheidende Rolle. Kompetente Partizipation verlangt nach politisch informierten Bürger, die wohlgeordnete Präferenzen selbstbewusst einbringen können.[1]:353 Auch kann die Informiertheit von Bürgern ihre Identifikation mit der EU stärken.[3]:17 Um diesem Ideal eines gut informierten Bürgers näher zu kommen, müssen die Ursachen und Faktoren politischen Wissens genauer in den Blick genommen werden.

Das Ausmaß politischen Wissens lässt sich auf der Mikroebene anhand von drei Faktoren erklären: 1. die kognitiven Fähigkeiten, die als Voraussetzung für den Lernerfolg gelten, 2. die Motivation, die für die aufmerksame Suche von Informationen ausschlaggebend ist und 3. die Gelegenheiten, das heißt Verfügbarkeit von Informationen beispielsweise in den Medien oder durch Gespräche mit Freunden oder Bekannten.[4][5] Der Wissenserwerb erfordert demnach eine psychische und physische Grundausstattung, die durch demographische Merkmale wie Alter, Geschlecht und Beruf beeinflusst wird.[1]:354

Empirische Studien zum Wissen über die Europäische Union[Bearbeiten]

Die Erfassung der Struktur und Verteilung des Wissens der Europäer über die EU sowie der Einflussfaktoren politischen Wissens, ist eine Grundvoraussetzung, um das Demokratiedilemma der EU einzudämmen. Die Erforschung dieses Themenbereichs wurde bisher allerdings fast vollständig außer Acht gelassen. Eine Ausnahme bildet die Studie „Das Wissen der EuropäerInnen über die Europäische Union“ von Westle & Johann. Westle & Johann greifen in ihrer Studie auf die Daten des Eurobarometers (EU-weite Erhebung im Auftrag der Kommission) aus den Jahren 2005 und 2006 zurück.[1]:354 Wissen wird anhand von Frageblöcken zu Kenntnissen über aktuelle Themen und zu anderen singuläre Fragen zu verschiedenen Themen erhoben (zum Beispiel die Anzahl der Mitgliedsländer, Direktwahl des europäischen Parlaments, die Präsidentschaft oder die Hymne der EU). Maier und Bathelt haben in ihrer Studie „Unbekanntes Europa?“ ebenfalls Daten des Eurobarometers aus dem Jahr 2007 herangezogen, um neben individuellen Ressourcen auch motivationale Faktoren als Einflussfaktoren auf das Wissen der Europäer zur EU zu untersuchen.[6]

Der Ländervergleich zeigt, dass keine systematischen Wissensunterschiede zwischen den EU- Ländern bestehen, sondern sich alle Länder auf einem eher mäßigen Wissensniveau bewegen.[1]:356 Darüber hinaus bleiben die länderspezifischen Wissensniveaus über den Befragungszeitraum hinweg stabil.[1]:358 In Luxemburg, Malta und Slowenien lässt sich ein überdurchschnittliches hohes Wissen und in Deutschland gefolgt von Italien und Tschechischen Republik ein unterdurchschnittlicher Wissensstand erkennen.[1]:358 Dabei hat die Dauer der EU-Mitgliedschaft (Annahme, dass eine längere Mitgliedschaft Gelegenheit zum Wissenserwerb, Betroffenheit und Motivation erzeugt) keinen wissensförderlichen Effekt.[1]:358 Ebenso wenig wirken sich situative Effekte wie Volksabstimmungen zur EU-Mitgliedschaft positiv auf das Wissensniveau aus. Hier ist hervorzuheben, dass die Kenntnisse über den Inhalt der europäischen Verfassung selbst dann gering sind, wenn in den Ländern über die Einführung der Verfassung abgestimmt wurde.[1]:368 Individuelle Einflussfaktoren[7] haben eine eher schwache Erklärungskraft für politisches Wissen über die EU.[1]:364 Allerdings zeigt sich ein deutlich positiver Zusammenhang zwischen dem subjektiven Wissen (Selbsteinschätzung des Wissens zu EU) und der richtigen Beantwortung des Wissensitems.[1]:362

Westle & Johann betonen, dass das Demokratiedilemma lediglich gelöst werden könne, wenn die Politikvermittlung in kognitiver und motivationaler Hinsicht verbessert werde. In diesem Sinne müssten die Defizite der medialen und politischen Vermittlung von EU-Themen beseitigt werden, um durch eine breite und ausgewogene Informationsvermittlung ein Bewusstsein über die EU und ihre Bedeutung für die Bürger zu schaffen.[1]:362

Einflussfaktoren auf das Wissen über die EU[Bearbeiten]

Individuelle Ressourcen[Bearbeiten]

Alter und Berufsgruppenzugehörigkeit haben nur eine untergeordnete Bedeutung für den Umfang des politischen Wissens über die EU. Es zeigt sich, dass Männer systematisch besser über die EU informiert sind als Frauen. Dies wird durch Effekte der Sozialisation erklärt. Auch die Bildung einer Person hat einen positiven Effekt auf die politische Expertise.[6]:422

Es gibt einige Vermutungen, dass das Wissen in der jüngeren Generation höher ist als bei älteren Menschen. Als Gründe werden die Präsenz der EU in den Lehrplänen sowie die hohe Mobilität junger Menschen und europäische Erfahrungen, bspw. durch Erasmusaufenthalte genannt. Somit ist mit einer höheren Betroffenheit und Identifikation und damit auch mit einem höheren Wissen bei jungen Menschen zu rechnen.[8]:39 Jedoch gibt es bislang relativ wenige belastbare Daten über das Wissen der Bürger im Hinblick auf die Europäische Union.

Die These wird anhand der Daten des Eurobarometers überprüft, speziell zur Frage: „Die Mitglieder des Europäischen Parlaments werden direkt von den Bürgern der Europäischen Union gewählt“. Es zeigt sich, dass die junge Generation der Personen zwischen 15 und 29 Jahren am wenigsten richtig antwortet. Sie haben gegenüber den anderen Altersgruppen deutlich weniger Wissen. Der Befund ist im Durchschnitt in allen untersuchten europäischen Staaten zu beobachten.

Vergleicht man die Altersgruppen, so zeigt sich länderübergreifend, dass Jugendliche vergleichsweise eher weniger als mehr Wissen über die Europäische Union besitzen. Von einer eindeutigen Richtung sollte man aufgrund der geringen Datenbasis jedoch nicht sprechen. Im Vergleich zu anderen Determinanten des Wissens zur Europäischen Union ist auffällig, dass Schulbildung einen deutlich höheren Effekt besitzt als das Alter.[8]:55

Motivationale Faktoren[Bearbeiten]

Der Wissensstand der Bürger in Bezug auf die Europäische Union lässt sich am besten über motivationale Faktoren erklären. Zu diesen zählen internal und external Efficacy. Internal Efficacy bezeichnet das Gefühl der Bürger, Politik zu verstehen, während external Efficacy die Überzeugung, dass die Regierung auf die eigenen Ansprüche reagiert, beschreibt. Gespräche mit anderen Personen über Politik und internal Efficacy üben einen starken positiven Einfluss auf das politische Wissen über die EU aus. External Efficacy wirkt sich ebenfalls positiv aus, jedoch in deutlich geringerem Ausmaß.[6]:422

Medien[Bearbeiten]

Mediennutzung[Bearbeiten]

Die individuelle Mediennutzung wirkt sich in einem ähnlichen Umfang wie external Efficacy auf das politische Wissen aus.[6]:422

In einer Studie konnte gezeigt werden, dass das Wissen über die Europäische Union neben der Zeitungslektüre auch durch die Nutzung von Fernsehen und Radio beeinflusst werden kann.[3] Zeitungslektüre und Fernsehnutzung erhöhen in den meisten untersuchten Ländern das Wissen über die EU, während sich ein positiver Einfluss der Radionutzung in geringerem Maße nachweisen lässt.

Mediensysteme[Bearbeiten]

Die in Studien festgestellten Wissensunterschiede zwischen den Ländern können durch verschiedene kontextuelle Faktoren erklärt werden. So beeinflussen Medien und das Mediensystem eines Landes das politische Wissen der Bürger.[6]

Die Fernseh- und Zeitungsdichte wirkt sich positiv auf das Wissen zur EU aus. Dies kann damit erklärt werden, dass die weite Verbreitung überregionaler Zeitungen und Fernsehsender die Wahrscheinlichkeit erhöht, auf Informationen zur EU zu stoßen.[6]

Das Internet hingegen hat einen negativen Einfluss auf das Wissen zur EU. Die Verbreitung des Internets führt eher dazu, dass die Bürger weniger abrufbares Wissen über die EU vorweisen können, was womöglich durch den Google Effekt erklärbar ist.

Fachunterricht in der Schule[Bearbeiten]

Ein weiterer Einflussfaktor auf das EU-Wissen von Individuen ist die Behandlung der Europäischen Union in der Schule. Das Modell der Politikkompetenzen sieht die Vermittlung von Fachwissen als eines von vier Feldern der politischen Kompetenzen vor, die im Unterricht erworben werden sollen.[9] Bezogen auf die Europäische Union sollen die Schüler unter anderem über ein konzeptuelles Verständnis der EU verfügen.[10] Dies soll vor allem im politischen bzw. gesellschaftswissenschaftlichen Fachunterricht vermittelt werden, wo die EU einen eigenständigen Themenblock darstellt. Neben der Behandlung der EU als Themenblock im Fachunterricht wird die Herstellung von EU-Bezügen jenseits des thematischen Fachunterrichts, also zum Beispiel auch im Geschichtsunterricht, als weitere Maßnahme zur EU-bezogenen Kompetenzvermittlung diskutiert.[10][11] Die konkrete Art und der Zeitpunkt der Vermittlung von EU-Inhalten hängen in Deutschland vom jeweiligen Bundesland ab.

Eine Studie aus Niedersachsen zeigt zumindest den kurzfristigen Erfolg des thematischen Fachunterrichts bei der Vermittlung von EU-Wissen.[10] Es zeigt sich, dass Schüler, die die Europäische Union bereits im Fach Politik und Wirtschaft behandelt haben, im Durchschnitt über ein deutlich höheres Faktenwissen verfügen, als Schüler, bei denen die Behandlung der EU noch aussteht. Unter den erklärenden Faktoren für das Wissen der Schüler stellt der EU-Unterricht den stärksten Effekt dar. Das Wissen über die EU lässt sich demnach trotz einiger potenzieller Vermittlungsschwierigkeiten, wie etwa die wahrgenommene Komplexität und Alltagsferne der EU, durch Unterricht deutlich steigern. Ungewiss bleibt jedoch, wie lange der Effekt des Wissenszuwachses durch den Unterricht anhält.

Auch Mobilitätmaßnahmen wie Schüleraustausche, Klassenfahrten oder Sprachreisen werden in europäischen und nationalen Bildungsempfehlungen zur Vermittlung von EU-Kompetenzen empfohlen.[10] In der Studie aus Niedersachsen hat die Teilnahme an Schüleraustauschen in andere EU-Mitgliedsstaaten jedoch keinen signifikanten Einfluss auf das Wissen der Schüler über die EU.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 Westle, Bettina, Johann, David: Das Wissen der Europäer/innen über die Europäische Union. In: Thorsten Faas (Hrsg.): Information – Wahrnehmung – Emotion. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17384-9, S. 353–374. doi:10.1007/978-3-531-92336-9_18
  2. Mondak, Jeffery J.: Cognitive Heuristics, Heuristics Processing, and Efficiency in Political Decision Making. In: Delli Carpini, Michael X./Huddy, Leonie/Shapiro, Robert Y. (Hrsg.): Research in Micropolitics 4. Greenwich: JAI Press, 1994, ISBN 978-1-55938-197-0, S. 117.
  3. 3,0 3,1 Roffeis, Ulrike: Sind Zeitungsleser „bessere“ Europäer?: eine Sekundäranalyse von Daten des Eurobarometers. In: Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst soFid (2007), Kommunikationswissenschaft 2007/2, S. 9–22. urn:nbn:de:0168-ssoar-204483
  4. Luskin, Robert C. (1990): Explaining Political Sophistication. In: Political Behavior 12, S. 331–361. doi:10.1007/BF00992793
  5. Bennett, Stephen E.: „Know-Nothings“ Revisited Again. In: Political Behavior 18, Springer 1996, S. 219–233. doi:10.1007/BF01498600
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 Maier, Jürgen/Bathelt, Severin: Unbekanntes Europa? Eine vergleichende Analyse zu Verteilung und Determinanten von Kenntnissen über die Europäische Union, in: Keil, Silke I./Thaidigsmann, Isabell S. (Hrsg.): Zivile Bürgergesellschaft und Demokratie. Aktuelle Ergebnisse der empirischen Politikforschung. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-00874-1, S. 413–434. doi:10.1007/978-3-658-00875-8_20
  7. Zu den individuellen Einflussfaktoren zählen: subjektives Wissen, Interesse an nationalen Angelegenheiten, Interesse an europäischen Angelegenheiten, Internal Efficacy, Politische Diskussion mit Freunden, Zukünftige Wichtigkeit der EU im Alltag, Häufigkeit der Mediennutzung und Anzahl der Informationsquellen (Westle & Johann 2010:364).
  8. 8,0 8,1 Westle, Bettina: Wissen um die Direktwahl des Europäischen Parlaments – eine Frage des Alters? Deutsche im westeuropäischen Vergleich In: Die Europäische Union erfolgreich vermitteln, Springer, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-06816-5, S. 39–63. doi:10.1007/978-3-658-06817-2_4
  9. Massing, Peter: Die vier Dimensionen der Politikkompetenz. In: bpb.de, 6. November 2012, abgerufen am 7. Februar 2017.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 Oberle, Monika/ Forstmann, Johanna: Effekte des Fachunterrichts „Politik und Wirtschaft“ auf EU-bezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern. In: Weißeno, Georg/Schelle, Carla (Hrsg.): Empirische Forschung in gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktiken. Ergebnisse und Perspektiven. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-06190-6, S. 67–81 doi:10.1007/978-3-658-06191-3_5
  11. Europa als Unterrichtsprinzip. Europäische Akademie in Berlin kritisiert Lehrpläne. In: Deutschlandradio Kultur, 23. März 2007, abgerufen am 7. Februar 2017.


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